Die Ausbildungsskala - systematische Ausbildung des Pferdes

Die Ausbildungsskala – systematische Ausbildung eines Pferdes

Jeder Reiter kennt sie vermutlich: Die Ausbildungsskala des Pferdes. Sie bildet den Grundstein für die Ausbildung eines Pferdes. Dabei ist sie nicht nur für junge Pferd sehr wichtig, sondern für Pferde aller Altersklassen. Das Pferd soll durch diese systematische Gymnastizierung gehorsam und angenehm zu reiten sein, sowie die Hilfen des Reiters durchlässig annehmen.

In diesem Beitrag möchte ich euch aber nicht nur die Theorie der Ausbildungsskala erläutern, sondern euch auch noch einige Übungen für das Erreichen der verschiedenen Punkte zeigen.

Die Ausbildungsskala

Die Skala der Ausbildung ist das Herzstück der klassischen Reitlehre. Ziel ist hierbei immer das Wohl und die Gesunderhaltung des Pferdes, basierend auf den Grundsätzen der klassischen Reitkunst. Dabei orientiert sie sich an den natürlichen Bedürfnissen und auch den individuellen Anlagen des Pferdes. Bei richtiger Anwendung wird das Pferd artgerecht gymnastiziert und gekräftigt. Somit wird ein leistungsbereites, willig und vertrauensvoll mitarbeitendes Pferd geschaffen.

Dafür muss der Reiter allerdings auch über einen elastischen und ausbalancierten Sitz und eine gefühlvolle, feine Hilfengebung verfügen.

Die Ausbildungsskala teilt sich in sechs Punkte und drei Phasen auf, die ihr in der unten abgebildeten Grafik seht. Über die Reihenfolge der einzelnen Punkte ergeben sich immer wieder einige Diskussionen. Allerdings sollte die Ausbildungsskala nicht als fest abgegrenzte chronologische Folge verstanden werden sondern als Ganzes, wobei die einzelnen Punkte vielmehr ineinander übergreifen und voneinander abhängig sind.

Die Ausbildungsskala - systematische Ausbildung des Pferdes

Takt

Fangen wir an mit dem ersten Punkt der Ausbildungsskala und wohl meinem Lieblingsmerksatz: Takt ist zeitliche und räumliche Gleichmaß aller Schritte, Tritte und Sprünge. Einfacher gesagt soll ein Schritt wie der andere sein – sowohl in der Dauer, als auch in der Länge. Hört sich erstmal einfach an, ist es aber nicht. Gerade wenn man schwerere Aufgaben reitet oder sich durch irgendein anderes Problem durchbeißt, vergisst man oft den Takt und macht sich dadurch das Leben natürlich selbst schwer.

Ich erinnere mich noch an eine Dressurstunde, bei der ich mich 20 Minuten nur auf den Takt in allen drei Grundgangarten konzentrieren sollte. Denn mit seinem kurzen und etwas festerem Rücken und dazu noch seinere etwas nervösere Art, war vorallem das räumliche Gleichmaß immer wieder ein Mängel. Am Ende dieser Stunde waren Pferd und ich fix und alle – aber er war lockerer als eh und je!

Um als Reiter ein bessers Gefühl für den Takt seines Pferdes zu bekommen, könnt ihr zum Beispiel mitzählen wenn die Füße eures Pferdes abfußen. Das Pferd können außerdem Trabstangen (oder auch Schritt- oder Galoppstangen) unterstützen einen gleichmäßigen Takt zu finden und zu erhalten.

Losgelassenheit

Die Losgelassenheit hängt – wie ja auch Eingangs erwähnt – sehr stark mit dem Takt zusammen. Dabei wird Losgelassenheit als unverkrampftes An- und Entspannen der Muskulatur und innere Gelassenheit beschrieben. Denn nur ein phsyish und auch psychisch entspanntes Pferd kann seine volle Leistungsbereitschaft und -fähigkeit erreichen.

Ein losgenlassenes Pferd erkennt man unter andem an seinem schwingenden Rücken und seinem zufriedenen Gesichtsausdruck. Außerdem trägt es seinen Schweif leicht, der locker im Takt mitpendelt. Gerade die innere Losgelassenheit zeigt sich deutlich durch das Abschnauben des Pferdes und einem geschlossenem, tätig kauendem Maul.

Übungen zum fördern der Losgelassenheit (und auch des Takts) sind vorallem Trab-Galopp-Übergänge, viele Handwechsel, Tritte verlängern und verkürzen und auch das Schenkelweichen. Die Losgelassenheit könnt ihr übrigens ganz einfach überprüfen indem ihr die Zügel aus der Hand kauen lasst.

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Anlehnung

Anlehnung ist die stete, weiche federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Während der Reiter das Pferd von Hinten nach Vorne an die Hand treibt, tritt das Pferd vertrauensvoll an die Hand. Dabei sollen keinesfalls rückwärtswirkende Zügelhilfen eingesetzt werden!

Durch die richtige Anlehnung – dabei ist das Genick der höchste Punkt und die Stirn-Nasen-Linie leicht vor der Senkrechten – kann das Pferd unter dem Reiter sein Gleichgewicht finden. Beim vorwärts-abwärts Reiten besteht natürlich auch eine Anlehnung. Hier ist das Genick nicht der höchste Punkt, die Stirn-Nasen-Linie sollte aber trotzdem leicht vor der Senkrechten sein.

Schwung

Als Schwung bezeichnet man die Übertragung des energischen Impulses aus der Hinterhand über den schwingenden Rücken auf die Gesamt-Vorwärts-Bewegung des Pferdes. Durch den Schwung verbessert sich die Schubkraft und daraus entwickelt sich im weiteren Verlauf die Tragkraft.

Auch hier sind Übergänge zwischen den Gangarten als auch Tempiwechsel innerhalb einer Gangart ein guter Weg den Schwung zu entfalten. Schwung gibt es allerdings nur im Trab und Galopp, da der Schritt keine Schwebephase hat.

Geraderichtung

Die meisten Pferde besitzen eine natürliche Schiefe. Durch gleichmäßiges Gymnastizieren soll diese Schiefe ausgeglichen werden und zur Gesunderhaltung des Pferdes beitragen um einseitigen Überlastungen vorzubeugen. Dabei wird die Vorhand auf die Hinterhand eingestellt, sodass sich seine Längsachse der Hufschlaglinie anpasst.

Durch eine geradegerichtetes Pferd wird außerdem wieder die Schubkraft aus der Hinterhand optimiert, das Pferd wird durchlässiger und tritt gleichmäßig an beide Zügel heran. Um ein Pferd geradezurichten sind vorallem Seitengänge und Schulterherein hilfreiche Übungen.

Die Ausbildungsskala - systematische Ausbildung des Pferdes

Versammlung

Beim Geraderichten haben wir schon über die natürliche Schiefe des Pferdes gesprochen. Zudem trägt die Vorhand von Natur aus mehr Gewicht als die Hinterhand. Aus diesem Grund soll die Vorhand entlastet werden und das Gesamtgewicht möglichst gleichmäßig auf alle vier Pferdebeine zu verteilen.

Bei der Versammlung werden die Hanken (Knie- und Hüftgelenke) des Pferdes vermehrt gebeugt und nehmen mehr Last auf. Die Vorhand wird dadurch entlastet und es entsteht das Gefühl, dass das Pferd bergauf geht. Schritte, Tritte und Sprünge werden dadruch verkürzt, weil die Hinterhand unter den Schwerpunkt tritt. Dies erfordert ein gutes Gleichgewicht des Pferdes, da dieses sich nun auf kleinerer Grundfläche selbst tragen muss. Dabei soll das Pferd natürlich weiter fleißig und aktiv in seiner Bewegung bleiben.

Hat ein Pferd den höchsten Grad der Versammlung erreicht – also genug Tragkraft entwickelt – kann es in allen Grundgangarten ausbalanciert gehen. Man spricht hier auch von Selbsthaltung.

Zu erreichen ist dieser Zustand vorallem durch den Einsatz richtiger halber Paraden. Also dem Zusammenspiel von Schenkel-, Gewichts- und Zügelhilfen. Nützliche Übungen sind Schritt-Galopp-Übergänge, Kurzkehrt, ganze Paraden, Tempiunterschiede innerhalb der einzelnen Gangarten und das Reiten von Außengalopp auf geraden und bei weiterer Ausbildung auch auf gebogenen Linien.

Durchlässigkeit & Gleichgewicht

Ziel der Ausbildung ist immer die Durchlässigkeit. Das Pferd soll gehorsam, zwanglos und ohne zu zögern auf die Hilfen des Reiters reagieren. Ein Pferd, das sich in allen Gangarten versammeln lässt, hat die höchste Stufe der Durchlässigkeit erreicht.

In der überarbeiteten Version der “Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1” der Deutschen Reiterlichen Vereinigung von 2012 wurde die Ausbildungsskala um den Punkt Gleichgewicht erweitert.

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